Wie wir zu unseren Hunden kamen

Für uns war von Anfang an klar: Sobald wir in unser fertig gebautes Haus ziehen können, wollten wir auch endlich einen Hund haben. Der sollte aber natürlich nur draußen wohnen. Niemals wollten wir einen Hund im Haus haben! Ha!!! Na das sollte sich schnell erledigt haben. Aber dazu später. Nach langem Suchen bekam ich ein Rassehundebuch in die Hand mit einem Großen Schweizer!!! Mann: Da war er – UNSER HUND!!!

Nachdem wir nun wussten, welche Rasse es sein könnte, war unser erster Anlaufpunkt die Internationale Rassehundeausstellung in Berlin. (Ja – die gab es damals noch jedes Jahr!) Wir wollten diese Rasse in „Natur“ sehen. Und dann standen wir davor: Mann, waren die groß! Die waren ja geradezu riesig!!! Das war in dem Buch aber so doch gar nicht zu sehen! (Heute sind unsere Hunde übrigens nur noch unsere Mäuse.) Wir sprachen mit Ausstellern und Züchtern. Erkundigten uns u. a., was so ein Hund frisst, oder was die Welpen so ungefähr kosten. Bei dem Preis mussten wir allerdings ganz schön schlucken. Schließlich brauchten wir gerade noch jeden Cent für unser Haus. Also wurde der „Traum von einem Hund“ (im wahrsten Sinne des Wortes) erst einmal auf Eis gelegt.

Wir besuchten dann regelmäßig an den Wochenenden eine örtliche Hunde-Auffangstation und gingen mit den verschiedensten Hunden spazieren. IRGENDWIE dachten wir, IRGENDWANN wäre für uns mal der richtige Hund dabei. Aber bei keinem sprang der Funke über. Und dann fand ich eine Anzeige in der Zeitung. „Verkaufe GSS-Welpen und Junghunde“. Als wir anriefen, war nur noch eine 11 Monate alte Hündin mit zwei blauen Augen da. Mein Mann sollte in zwei Monaten für ein halbes Jahr nach Bosnien gehen. Ein „Beschützer“ auf dem Grundstück wäre uns da gerade recht gekommen. Also: Hinfahren und Anschauen.

Was uns dann erwartete, war eine einzige Katastrophe. Wir landeten in einem großen, verwahrlosten Saal mit einer Bühne. Kot, Urin und Gestank überall. Die einzig „übrig gebliebene“ Hündin hatte sich in eine Ecke verkrochen. Sie konnte sich vor Angst nicht bewegen. Sie hat noch nicht einmal mit den Augen geblinzelt. Und das, obwohl wir recht weit entfernt von ihr standen. Mein kleiner Sohn, damals gerade 4 ½ Jahre alt, rannte zu ihr hin und streichelte ihr über den Kopf. So schnell konnte ich gar nicht reagieren. Ich bekam fast einen Herzkasper! Aber keine Regung von ihr. Wenigstens schnappte sie nicht nach ihm.

Das war noch in Gina´s altem „zu Hause“, irgendwo draußen.

Ich wollte diesen Hund nicht haben, der noch nicht einmal nach einem Großen Schweizer aussah. Aber mein Mann und meine beiden Söhne wollten diese arme Kreatur unbedingt mitnehmen. Ich war überstimmt, ahnte aber nichts Gutes. Wir vereinbarten, dass wir sie eine Woche später abholen. Und das wider meines besseren Wissens. Wir wollten erst einen Zwinger bauen, denn wir kannten es von all unseren Nachbarn nicht, dass die Hunde mit im Haus leben durften. Höchstens die Kleinen in den Neubauten. Wir holten unsere Hündin dann wie vereinbart ab. Es war ein reiner Mitleidskauf. Ich weiß – so etwas sollte man NIEMALS tun! Wir haben damit diese Vermehrerin unterstützt und dafür gesorgt, dass von ihr weitere Welpen so erbärmlich nachproduziert werden konnten. Es war Februar 2001.

Vorher lebte sie in Müll und Dreck.

Wir haben dann unsere Hündin, die wir ab sofort „Gina“ nannten, wochenlang nicht wirklich gesehen, denn sie hat sich nur in ihrem Hundehäuschen versteckt. Ich krabbelte bei Eiseskälte stundenlang zu ihr in die Hütte, mit einem Buch und einer Wärmflasche auf den Knien, ohne sie anzuschauen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie man mit so einem ängstlichen Hund umgeht! Die ersten Tage fraß sie nichts. Später dann nur nachts oder morgens, wenn sie sich einigermaßen sicher fühlte. Wir haben sie in den Morgenstunden vom Badezimmerfenster aus gefilmt, damit wir auf dem Video mal sehen konnten, wie sie eigentlich aussah.

Ich merkte ziemlich schnell, dass wir so nicht weiterkommen konnten. Nach vier Wochen zog sie dann also tatsächlich in unser Haus ein. Draußen war es einfach zu kalt, um ewig bei ihr in der Hütte zu hocken. Sie sollte sich auch an unsere Nähe gewöhnen. Ich musste sie ins Haus tragen. Laufen konnte/wollte sie in ihrer Angst ja nicht.

Wir bekamen mit, dass sie fürchterlich stank und voller Flöhe war sie auch. Die Flöhe war sie schnell los, der Gestank blieb uns aber noch eine Weile erhalten. Wir konnten sie ja nicht baden. Sie hätte Panik bekommen. Wir arbeiteten hart an uns und an ihr. Machten immer wieder kleine Fortschritte. Wir hatten einen Hundepsychologen zu Hause für die ersten Tipps. Wir versuchten ihr zu helfen mit Tellington Touch und Bachblüten, (später dann auch mit Tierkommunikation durch Heidegund Leithe). Mit diesen Sachen machten wir sehr gute Erfahrungen und immer wieder gab es kleinere oder größere Fortschritte. Leider kam nach jedem Fortschritt auch immer wieder die Stagnation. Aber zwischendurch hatten wir auch unsere kleineren Freuden. Man glaubt gar nicht, wie glücklich man sein kann, wenn sein Hund den Schwanz nicht mehr permanent unter den Bauch klemmt und man nach vielen Wochen sieht, dass er sogar eine weiße Schwanzspitze hat und tatsächlich etwas wedelt! Nur ein kleines bisschen! Das war für mich wie Weihnachten und Ostern zusammen!!! Nach einem Jahr ging es im Haus und auf dem gewohnten Grundstück schon ganz gut mit unserer Maus. Aber außerhalb war sie noch immer überaus panisch.

Deshalb hatten wir uns überlegt: Ein Zweithund musste her! Der sollte ihr auch außerhalb des Grundstückes Sicherheit geben. Wir wussten aber auch: NIE WIEDER EIN HUND AUS SOLCHEN VERHÄLTNISSEN! Wir schauten also regelmäßig auf die Homepage des Schweizer Sennenhund-Vereins. Und dann fand ich IHN in der Notvermittlung: GSS-Rüde, Grunderziehung vorhanden, lebt mit Familie in Haus und Garten. Der Rüde war 1 ½, also gerade ein halbes Jahr jünger als unsere Hündin. Passt! Ein Anruf und anschließend ein Besuch. Wir durften ihn gleich mitnehmen: Ben vom Bergmannshaus – genannt Paul oder Paulchen Panther. Er fühlte sich bei uns sofort zu Hause. Er war gerade aus dem Auto heraus, schon bewachte er unser Grundstück. Er war furchtbar laut. Ein Kraftpaket. Sehr selbstbewusst. Genau das, was wir brauchten???

Ben vom Bergmannshaus – unser Paulchen Panther

Der erste Spaziergang mit ihm hat meinem Mann dann fast das Leben gekostet. Paulchen wog zu der Zeit 54 kg. Wir mussten ein kleines Stück an einer vielbefahrenen Bundesstraße entlang gehen, als auf der anderen Seite ein kleiner Hund anfing, zu bellen. Aus dem Stand und ohne Vorwarnung stürmte Paul los. Es war Winter – Glatteis. Mein Mann konnte gerade noch einen Baum umfassen und so Halt finden. Paulchen hielt er glücklicherweise fest. Der flippte vollkommen aus und wollte mit aller Macht zu diesem Hund. Und dann schoss schon ein LKW an ihnen vorbei!!! Alles ging blitzschnell. Das hätte wohl das Ende bedeuten können. Für beide. Paulchen konnte sich dann bis zu Hause nicht mehr beruhigen. Er bellte und führte sich furchtbar auf. So war es anschließend nach jeder Sichtung eines Hundes. Hysterische Anfälle würde ich das beim Menschen nennen. Wir hatten also das nächste Problem. Nach allen Hunden, ob Rüde oder Hündin, wurde erst einmal geschnappt. Wir hörten regelmäßig Paul´s Zähne aufeinanderklappen, wenn sie nur dicht genug herankamen. Zu Hause hatte aber Gina schon das Sagen.

Gina und Paul beim Spielen…

…und beim Schlafen

Jetzt war jedenfalls Hundeplatz angesagt. Wir fingen mit einem Schäferhundeplatz an. Ab dem zweiten Training waren wir erst einmal allein. Die anderen Mensch-Hund-Gespanne trauten sich nicht mehr zu kommen – wegen Paul. Er wirkte extrem aggressiv. Allerdings nur gegen andere Hunde, nicht gegen Menschen. Der arme Kerl konnte gar nichts dafür. Er hat bei seinen Vorbesitzern einfach NICHTS gelernt. Er wurde sicher geliebt und verhätschelt – aber leider nicht erzogen. Dazu kam, dass er völlig unterfordert war. Mir kam auch folgender Satz der Vorbesitzerin wieder in den Sinn: „Sitz macht der nicht – der hat ´nen Dickkopf!“ Super! Wir trainierten eisern weiter. Nach und nach kamen wieder andere Mensch-Hund-Gespanne zum Training dazu. Viele Wochen, Monate vergingen. Sitz und Platz konnten unsere Hunde nun. Die Trainerin meinte aber irgendwann: „Paul werdet ihr niemals frei laufen lassen können. Der ist unberechenbar!“ In dieser Zeit lernten wir Susanne Preuß kennen. Zughunde. Das wäre was für uns! Schon als wir uns für diese Rasse entschieden hatten, wussten wir, dass uns das großen Spaß machen könnte! Und so begannen wir also mit dem Zughundetraining.

Für Paul war es das beste, was ihm passieren konnte. Er liebte diese „Arbeit“! Sobald mein Mann den Wagen hervor holte, war Paulchen ganz aus dem Häuschen und hüpfte und sprang wie ein Verrückter um den Wagen und um meinen Mann herum. Leider wurde das ganze von lautem Bellen begleitet. Das konnte ganz schön nervig sein – es machte aber auch viel Spaß, da zuzusehen – WENN MAN SICH DIE OHREN ZUHIELT!

Auch Gina kam aus sich heraus. Das Zuggeschirr gab ihr Sicherheit. Und dann war ja noch „IHR“ Mann an ihrer Seite. Sie taute auf, wurde auch zu anderen Menschen immer zutraulicher. Wir hatten also nun das Richtige gefunden. Zum einen hatte Paulchen endlich die Auslastung, die er brauchte. Zum anderen konnte Gina Selbstvertrauen aufbauen, denn sie hatte eine echte Aufgabe! Außerdem hatten wir mit Susanne Preuß eine Trainerin gefunden, die die „Hundesprache“ auch wirklich versteht. Susanne konnte uns ständig neue Tipps geben. Sie erklärte uns, warum Gina und Paul in dieser oder jener Situation so (und nicht anders) reagierten. Wir lernten bei ihr unendlich viel.

Paul war irgendwann so weit, dass wir mit ihm zu Ausstellungen gehen konnten. Auch die anschließende Körung hat er mit Bravour bestanden. Ab dann durfte er auch Papa werden. Er war ein toller Kerl. Nur die Begegnung mit fremden Hunden war zuerst immer noch ein wenig nervig, weil er der Boss sein wollte. Aber er wusste inzwischen auch, dass wir bestimmten, wen er zu akzeptieren hatte. Das wollte er aber auch jedes Mal auf´s Neue bestätigt haben. Wer weiß – vielleicht hätten wir ja irgendwann mal unsere Meinung geändert? Nicht? Na gut!…

Paul hat sich bis ganz zuletzt sein überschäumendes und sonniges Wesen bewahrt. Er konnte mit anderen unkastrierten Rüden vor dem Wagen im Gespann laufen. Das Beste: Ein 5er-Gespann mit ausschließlich Großen Schweizer Sennenhund-Rüden. Ein toller Anblick war das! Bei Wanderungen mit anderen Hundefreunden lief Paul nach der ersten Aufregung selbstverständlich frei in der Meute. Immer seltener brauchte er dann die Ansage, dass wir ein Auge auf ihn haben. Mit 11 Jahren bekam er eine Magendrehung. Er überstand die Operation, aber die Nieren machten dann nicht mehr lange mit. Am 2. Januar 2012, ca. 3 Monate nach der Magendrehung, mussten wir ihn dann doch schweren Herzens gehen lassen.

Gina wurde eine ganz freche und lustige Hündin. Die (eingebildete) Chefin des gesamten Zughunderudels. Diesen Platz hatte sie sich durch ihre Cleverness erarbeitet. Nur wenige ungewohnte Situationen machten ihr noch Angst. Mit Gina verstand ich mich ohne Worte. Sie versuchte immer wieder mal, mich auszutricksen. Sie war sehr schlau. Sie rechnete es mir aber auch hoch an, wenn ich sie dabei erwischte. Wir lachten dann beide. So bekam ich auch ihre Achtung. Sie wurde im täglichen Leben sehr selbstbewusst. Eine wunderbare Hündin. Meine Seelenhündin. Am 8. Oktober 2012 mussten wir dann auch sie gehen lassen. Wir waren alle bei ihr, als sie ganz ohne tierärzliche Hilfe ruhig und entspannt einschlief. Sie wurde 12 1/2 Jahre alt.

Trotz aller unserer Probleme, die wir anfangs mit unseren Hunden hatten, wollten wir sie doch nicht missen. Leider ist das Leben unserer geliebten Fellnasen verhältnismäßig kurz. Wir liebten diese beiden über alles. Und wir waren und sind uns sicher: Ein Leben ohne unsere geliebten Sennenhunde ist für uns unvorstellbar geworden! Deshalb ging es nicht ohne Hund. Schon im Januar 2013 zog dann unser Babybärchen bei uns ein. Captain Jack vom Limburger Dom. Unser erster richtiger Welpe. Er war ein riesiger Trost für uns. In ihm steckt auch ein bisschen von unserem Paulchen. Der ist nämlich der Uropa. Jack ist eine Riesen-Knutschkugel und wir sind super glücklich, dass er bei uns ist.

Und – da es wieder ein Pärchen sein sollte, kam dann auch noch unsere Zuckerschnute Hedi zu uns. Hedje aus der Wistedter Rappelkiste, 9 Monate alt – die Vorbesitzer kamen mit ihr nicht mehr klar. Bei uns hat sie sich aber super schnell eingewöhnt und verschönert seitdem unser Leben. Herrlich! Herzensfreude. Ein riesiges Geschenk machte sie uns dann am 01. August 2017. Unser erster eigener Wurf am Schweizer Nationalfeiertag. 7 kleine Zwerge hat sie uns geschenkt. Die kleinste Maus Annisha blieb bei uns. Wir konnten sie einfach nicht hergeben! Und nun haben wir also unser Dreiergespann. Drei Fellnasen, die unser Leben täglich bereichern, die uns auf Trab halten, die uns lachen, aber auch mal weinen lassen. Die uns viel lehren, mit uns kuscheln und auch miteinander spielen und raufen. Die Tröster für unsere Jungs waren oder auch mal für mich. Die Spielkameraden und Schmusebärchen nun auch schon für unsere Enkeltöchter sind. Unsere Hundekinder gehören zu unserer Familie. Absolut. Sie sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.

Birgit Sluka

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